Rainald Grebe Tour 2013: Solo in den Wühlmäusen in Berlin am 4., 5. und 6. Februar

“Ausverkauft” steht am 4.2.2013 auf dem Plakat, das die Eingangshalle des Berliner Kabarett-Theaters “Die Wühlmäuse” ziert und auf dem Rainald Grebe die Besucher nackt wie die Natur ihn schuf begrüßt. Die Bühne betritt er nach einer dramatischen Wiedergabe seiner ersten schmerzhaften Begegnung mit einem Schwan als 5-Jähriger dann aber doch bekleidet – zuerst mit rosa Häschenohren und danach in einem rosa Tutu. So kennen und lieben wir ihn, unseren f/Frechen(-)Raini.

Rainald Grebe am 04.02.2013 im Kabarett-Theater "Die Wühlmäuse", Berlin © berlinfische.org

Rainald Grebe am 04.02.2013 im Kabarett-Theater “Die Wühlmäuse”, Berlin © berlinfische.org

Die Blöße gibt er sich tatsächlich nicht nur auf der Konzert-Ankündigung – nein, das ganze Programm dreht sich frei nach dem Motto “Ich spiel’ heut’ mein Leben nach” um Rainald Grebes Biographie: angefangen bei der Welt vor seiner Geburt, die sich zwischen Hornbrillen, falschem Kaviar und Moulinex abspielte, über die Erinnerungen an den elterlichen Hobbykeller – der “protestantischen Variante des Partykellers”, wie wir später von Rainald erfahren – bis hin zu seinen ersten Musizierversuchen, seiner ersten Band namens  Harakiri Eleison und schließlich auch den großen kommerziellen Erfolgen.

Und auch wenn Rainald Grebe den meisten seiner Fans vor allem als Sänger bekannt ist, so rückt die Musik im 2013er Solo-Programm zunächst ein wenig in den Hintergrund. Freilich – die großen Hits wie “Dreißigjährige Pärchen” und “Oben”, ein paar neue Stücke, die sich ums Erwachsenwerden und Familienleben drehen, sowie einige musikalische “Unfälle” aus seiner Anfangszeit gibt er auch diesmal – spätestens in der Zugabe – zum Besten, aber dazwischen beweist Rainald Grebe, dass er nicht nur ein brillanter Musiker ist, sondern auch ein gnadenlos guter Entertainer, Komiker und Schauspieler.

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Mal völlig banal – “Rezept für Lammbraten – ein Lamm braten”, mal hochpolitisch – “Sag nicht ‘mafiöse Strukturen’, sag ‘Synergie’, sag nicht ‘Verfassungsschutz’, sag ‘Salzleckstein für die NPD’!” führt er durchs Programm und weiß die einfachsten Show-Effekte von Hall über Pitch bis Rauch in großartige Kleinkunst zu verwandeln. Bis zum Platzen aufgeblasene Kondome, alte Tierstimmen-Schallplatten und ein am Flügel befestigter Reißwolf tun ihr Übriges.

Dazu erzählt Rainald Grebe fast drei Stunden lang aus seinem Leben, singt eine herzzerreißende Interpretation von Billy Joels “She’s Got A Way”, dem ersten Song, den er jemals auf dem Klavier gespielt hat, berichtet, wie er vom Messy zum Digitalisierungsfan wurde und zeigt seine USB-Stick-Sammlung und Bilder aus der Kindheit – im Mittelpunkt all dessen seine Familie, deren Vorliebe für Wandteller er offenbar nicht teilt, und seine Heimatstadt Frechen – “ein ästhetisches Verbrechen”.

Rainald Grebe am 04.02.2013 im Kabarett-Theater "Die Wühlmäuse", Berlin © berlinfische.org

Rainald Grebe am 04.02.2013 im Kabarett-Theater “Die Wühlmäuse”, Berlin © berlinfische.org

Zwischen sentimentalen Liedern und Rumgejuxe erweitert Rainald Grebe aber auch immer wieder das Allgemeinwissen des anwesenden Publikums durch interessante Details über die deutsche Vor- und Nachkriegsgeschichte: Wussten Sie beispielsweise, dass der Volksmusikant Heino auf einer seiner Schallplatten das Deutschlandlied inklusive der umstrittenen ersten Strophe sang? Oder dass der Großvater von Billy Joel ein jüdischer Kaufmann war, der seine Textilmanufakturen im Jahr 1935 für einen lächerlichen Geldbetrag an Joseph Neckermann abtreten musste und diese nach dem Krieg auch nicht zurückbekam? “Neckermann macht’s möglich”, neckt “unser Raini” da zu Recht.

Im zweiten Teil der Show erfahren die Gäste des Wühlmäuse-Theaters, dass das “Herbstlied” (“Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder…”), welches sie schließlich zaghaft mitsingen, von einem Vorfahren der Grebes (mütterlicherseits), nämlich dem Schweizer Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis, stammt, weshalb die ganze Familie das Lied früher mindestens einmal pro Woche singen musste.

Danach kommen dann auch die Erinnerungen an die wilden Berliner Jahre zur Sprache: Ackerstraße 5, Marx-Engels-Platz, besetzte Häuser… Bilder davon? Fehlanzeige! “Wir haben keine Fotos gemacht, wir haben gelebt!” Richtig so, möchte man ihm zurufen. Und schließlich die Gegenwart: Zusammen mit Tontechniker Franz Schumacher (“Schuld hat immer nur der Mann am Pult”) erinnert sich Rainald Grebe an Konzerte im Autohaus in Schwedt und im Festsaal der Bielefelder Psychiatrie.

Erst als er gegen Ende “Netphen, unsere Stadt”, die Hymne des Geburtstortes seines Vater Werner Grebe, anspielt, verliert der sonst so gelassen wirkende Tonmann die Beherrschung und hält sich Augen und Ohren zu. Als dann auch noch Rainalds Ansteck-Mikro ausfällt, beweist der Kabarettist einzigartiges Improvisationstalent, bevor er einen letzten Bildungsversuch startet, indem er den Anwesenden den Dadaismus näherbringt. In diesem Sinne: Elephantoli, Tuffen! Und viel Spaß all denen, die sich Tickets für die zwei weiteren Berlin-Konzerte heute, am 5., und morgen, am 6. Februar 2013, sichern konnten.

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