Berlin – Breslau: Rainald Grebes Beitrag zur deutsch-polnischen Freundschaft

Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Einer hat bis vor Kurzem in der Liste von “Orten, in denen Rainald Grebe schon einmal aufgetreten ist” noch gefehlt: Wrocław, zu Deutsch: Breslau – der Ort, in dem seine Mutter geboren wurde.

In jedem anderen Ort, der in irgendeiner Verbindung zu seiner Familiengeschichte steht, hat der Sänger und Kabarettist Rainald Grebe in den vergangenen zwei Jahren sein Solo-Programm aufgeführt: In seinem Geburtsort Frechen bei Köln¹ und in der Nervenklinik Gilead in Bielefeld², wo er seinen Zivildienst leistete – beiden Orten widmete er sogar ein eigenes Lied – und natürlich auch in Netphen im Siegerland³, wo sein Vater herstammt.

Doch wie schafft man es, in Polen zu spielen, wenn man dort völlig unbekannt ist und einen – salopp gesagt – niemand hören will? Ganz “einfach”: Man organisiere einen Reisebus und biete seiner deutschen Fangemeinde eine Sonderfahrt zusammen mit ihrem Idol von Berlin nach Polen und zurück an: Animation, Verpflegung, Sprachkurs, Stadtrundgang, Bootsfahrt und natürlich das Konzert inklusive!

Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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50 Plätze waren zu vergeben – und trotz des stattlichen Preises von EUR 107,20 in Windeseile ausverkauft. Die glücklichen Passagiere: Eine bunt gemischte Truppe aus jüngeren wie älteren Fans, angereist aus Sachsen, Hamburg, Hannover oder auch Berlin, und mittendrin der “Meister” persönlich: Rainald Grebe. Als einer der Letzten bestieg er am Samstag, dem 6. September 2014, um kurz nach neun zusammen mit seiner Freundin den Reisebus; nach ihm kamen – leicht verspätet – nur noch ein paar Opfer des Berliner S-Bahn-Streiks.

Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Und dann ging es auch schon los. Ivona Jera und Frank Benz – sie Regisseurin, er Schauspieler – übernahmen die Reiseleitung und spielten ihre Rollen perfekt – so perfekt, dass man am Anfang wirklich dachte, Ivona sei von Beruf Reiseleiterin und “Franek” ein polnischer Kellner; in Wahrheit gute Freunde von Rainald Grebe mit der Mission, ihm und seinen Fans eine unvergessliche Reise nach Breslau zu bescheren – und das schafften sie auch! So wurden gleich zu Anfang Zahlen auf Polnisch geübt, mit dem Sitznachbarn Pflaumen getauscht, um ihm eine gute Reise zu wünschen, und bei der Grenzüberschreitung in Forst Luftschlangen gepustet.

Nach der ersten Rast kurz hinter der polnischen Grenze gab es ein typisch deftiges polnisches Frühstück mit Butterbroten, Eiern, saurer Gurke, einem von Ivona selbst gemachten Radieschen-Brotaufstrich, Wurst, Käse und diversen polnischen Süßigkeiten. Dies machte, zusammen mit der dazu aufgelegten klassischen Musik, die Fahrt über holprige Betonplatten (offiziell auch als A 18 bezeichnet) halbwegs erträglich. Erst kurz vor Breslau verbesserte sich der Fahrbahnbelag so, dass die Fahrt auch für Bandscheibengeplagte ein wenig entspannter wurde.

Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Ivona und “Franek” nutzten indessen die sich hinziehende Fahrt, um den Mitreisenden ein berühmtes polnisches Trinklied sowie die wichtigsten polnischen Wörter beizubringen. So lernten sie, dass es in Polen keinen guten Morgen gibt und man ihn deshalb auch niemandem wünscht; dass man sich über Missgeschicke nicht aufregt, sondern mit einem schicksalsergebenen “(No) trudno” antwortet, welches mit Artikel 7 des Kölschen Grundgesetzes “Wat wells de maache?” vergleichbar ist. Auch die wichtigsten polnischen Aberglauben wurden der Reisegruppe vorgestellt: So bringen Nonnen je nachdem, in welcher Anzahl sie zugegen sind und ob sie eine Brille tragen oder nicht, Glück oder Unglück; und wenn ein Pole zu Hause etwas vergessen hat und deshalb noch einmal zurückgeht, muss er sich mindestens fünf Sekunden hinsetzen, bevor er das Haus wieder verlässt – sonst droht Unglück. Auch schwarze Katzen bringen laut Ivona in Polen generell Pech, egal, ob sie den Weg von links nach rechts oder von rechts nach links kreuzen.

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Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Angekommen in Breslau, wurden zunächst politisch korrekte (polnische) Äpfel verteilt (und natürlich verspeist); und kurz darauf folgte ein kleiner Stadtrundgang, der einige Überraschungen barg: So fand in der Adalbertkirche gerade eine Hochzeit statt, deren Ende die Mitreisenden im hinteren Teil der Kirche beiwohnen durften. Doch damit nicht genug, denn nachdem das frischvermählte Paar die Kirche verlassen hatte, ertönten plötzlich improvisierte Orgeltöne. Erst nach und nach erkannten die Anwesenden die Melodie des dargebotenen Musikstücks: Ein junger polnischer Organist spielte Rainald Grebes größten Hit “Brandenburg” in der Breslauer Adalbertkirche – ein wahrhaft rührender Augenblick für die Fans und den Künstler selbst, und eine wirklich gelungene Überraschung!

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Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Danach ging es an einer original polnischen Milchbar vorbei zum Matthiasstift, in dessen wunderschönem Innenhof die Anwesenden in Form eines Vortrags spannende Einblicke in die Breslauer Geschichte erhielten. Dabei wurde der Fokus passenderweise immer wieder auf die historische Beziehung zwischen Breslau und Berlin gelegt, und es blieb auch Zeit für ein paar kleine Anekdoten. So erfuhr man, dass die jetzt dort ansässige Nationalbibliothek (Ossolineum) früher ein Gymnasium war, an dem u.a. auch Joseph von Eichendorff und Ferdinand Lassalle ihr Abitur gemacht haben… dass der Zucker zwar in Berlin erfunden, anschließend jedoch in der Region Breslau produziert und von dort u.a. wieder “zurück” nach Berlin exportiert wurde… oder dass der preußische König Anfang des 19. Jahrhunderts seine Residenz aus der Hauptstadt Berlin nach Breslau verlegte.

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Im Anschluss an das Geschichtsreferat begleitete ein polnischer Akkordeonspieler die illustre Reisegruppe musikalisch während ihres Stadtrundgangs bis zur Hala Targowa, der Breslauer Markthalle. Von dort ging es am Ufer der Oder entlang mit Blick auf die Dominsel weiter zum eigentlichen Ziel, dem Centrum Sztuki Impart. Dort sollte Rainald Grebe am Abend sein Solotour-Abschlusskonzert geben. Doch vorher wurden die deutschen Gäste noch mit dem polnischen Nationalgericht Bigos, einem Krauteintopf mit verschiedenen Fleischsorten, sowie Piroggi (vegetarischen oder mit Fleisch gefüllten Nudelteigtaschen) verköstigt.

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Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Das Konzert begann reichlich dramatisch. Da Rainald Grebe aufgrund einer Augenentzündung eigentlich krankgeschrieben war, musste ihm Soundtechniker Franz Schumacher gleich zu Beginn erst mal eine Kortisonspritze verpassen. Danach jedoch präsentierte “Raini” – in fast schon familiär anmutender Atmosphäre – sein Soloprogramm so fröhlich wie nie zuvor. Den Mann des konsternierten Blicks sah man an diesem Abend eher schmunzelnd und herumalbernd als ernst dreinschauend. Natürlich ließ er es sich auch nicht nehmen, das auf der Reise nach Breslau Erlebte und Gelernte aufzugreifen (“Trudno!”, “Cześć!”) und lud die Anwesenden im Anschluss an das Konzert noch auf eine nächtliche Bootsfahrt auf der Oder ein, wo zur wunderschönen Musik eines Breslauer Musikduos (Gesang & Gitarre) bei polnischem Vodka und Bier (das noch nachträglich besorgt wurde, weil zuvor bereits mehrere andere deutsche Reisegruppen die Vorräte auf dem Boot erschöpft hatten) erzählt und gelacht wurde, und sich die Ereignisse des Tages so noch einmal gemeinsam Revue passieren ließen.

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Mit Rainald Grebe in Breslau 2014 © berlinfische.org

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Am frühen Sonntagmorgen bestiegen Rainald, Franz und die “Reiseleitung” zusammen mit der gesamten Anhängerschar schließlich müde, aber glücklich den Bus und ließen sich (diesmal ohne Rütteln und Schütteln dank sanierter Autobahn) zurück zum Berliner Ostbahnhof bringen. Nach Rainald Grebes kleiner Dankesrede kurz vor Ankunft waren sich dann auch alle einig: Es kann keine schönere Art der deutsch-polnischen Begegnung geben. Und so verabschiedete man sich am Ende mit einem liebevollen “Papa” (mit Betonung auf der letzten Silbe) voneinander.
Danke, Herr Grebe, und bis zur nächsten gemeinsamen Städtereise!

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Quellen:
1) http://www.harlekin-theater.de/Galerie/2011/Gastspiele/RainaldGrebe.aspx
2) http://www.regiomusik.de/veranstaltung/termin/668065/rainald-grebe-dasrainaldgrebekonzert.html
3) https://www.facebook.com/events/285727208136445/?ref=5

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